Heidelberg, Schloss, Schlossgärten

Stückgarten, Dicker Turm und Englischer Bau, Ausschnitt aus: Schloss und Garten Heidelberg, in: Martin Zeiller und Matthäus Merian, Topographia Palatinatus Rheni et vicinarum Regionum, Frankfurt am Main 1645 [ca. 1672], Universitätsbibliothek Heidelberg
Elisabethentor (1615)
Matthäus Merian d. Ä.: Ansicht des Hortus Palatinus mit Schloss und Stadt Heidelberg, Kupferstich, in: Salomon de Caus: Hortus Palatinus a Friderico rege Boemiae electore Palatino Heidelbergae exstructus, Frankfurt am Main 1620, Tf. [2]
Grundriss des Hortus Palatinus, Kupferstich, in: Salomon de Caus: Hortus Palatinus a Friderico rege Boemiae electore Palatino Heidelbergae exstructus, Frankfurt am Main 1620, Tf. [1]

Andere Namen

  • Stückgarten
  • Hortus Palatinus

Kategorien

Datierung

1613/1614–1620

Weitere Angaben

Friedrich V. von der Pfalz und seine Gemahlin Elisabeth Stuart müssen bald nach ihrer Heirat und ihrem Einzug in die Residenzstadt Heidelberg im Juni 1613 mit der Anlage neuer Gärten am Heidelberger Schloss begonnen haben. Bis dahin war der wichtigste fürstliche Garten der von Kurfürst Ottheinrich angelegte Herrengarten in der Heidelberger Vorstadt ohne direkten Bezug zum Schloss gewesen. Unter dem jungen kurfürstlichen Paar wurde direkt am Schloss zuerst auf der Verteidigungsanlage des 20 Meter hohen Westwalls ein Garten angelegt, der nach den einst dort platzierten Geschützen Stückgarten genannt wird. Die Anlage ist auf den Wohnsitz des Paares im ebenfalls neu errichten Englischen Bau und den als Saalbau genutzten Dicken Turm ausgerichtet und war nach Süden durch ein langes rechteckiges Vogelhaus und das daran anschließende, 1615 errichtete Elisabethtor abgeschlossen; die Brüstungsmauern wurden durch Balustraden ersetzt. Auch wenn der englische Besucher Philip Skippon (1641–1691) die Elisabethenpforte 1663 als das eigentlich Burgtor erachtete (vgl. Metzger 2008, S. 70), eignete diesem Garten zu seiner Entstehungsszeit eher der Charakter eines privaten giardino segreto.

Fast gleichzeitig muss mit den größeren, nicht dem Privatbereich des Fürstenpaares zugeordneten Anlagen östlich des Schlosses begonnen worden sein, wo bis dahin nur der sogenannte Hasengarten als ummauerter, künstlerisch gestalteter Naturraum existierte: In diesem, 1620 von seinem Entwerfer Salomon de Caus als Hortus Palatinus publizierten Bereich wurden mehrere große, von hohen Stützmauern eingefasste rechteckige Terrassen angelegt. Die Hauptterrasse reicht in ihrem westlichen Teil vom Schlossgraben nach Osten bis zu den Wasserbassins und zur Großen Grotte am Ende der Sichtachse; die Kleine Grotte befand sich in der Stützmauer der parallel zur Hauptterrasse geführten und von dieser über eine mit Parterres gestalteten Zwischenterrasse zu erreichenden oberen Terrasse auf der Eingangsseite. Dort waren zudem eine Galerie und Fischzucht- und Badeanlagen untergebracht. Die zum Schloss hin gelegene Partie der Hauptterrasse war in Kompartimente untergliedert, die um einen mit Laubengängen versehenen Mittelpavillon orientiert waren. Vom östlichen Ende der Hauptterrasse erstreckt sich ihr von hohen Substruktionen gestützter Nordarm in Richtung Neckar (heute: Scheffelterrasse). Hier befand sich einst das Pomeranzenhaus, der Blumengarten mit Jahreszeitenbeet und ein 1620 nicht mehr vollendeter Turm, der eine offene Halle im Erdgeschoss und Wohnräume in den Obergeschossen beinhalten sollte. Eine erhöhte Terrasse mit Heckenrondell, die in diesem Bereich ebenfalls geplant war, wurde nicht ausgeführt. Ebenso unvollendet blieb der untere Garten, der von den beiden Armen der Hauptterrasse über gewaltige Treppenanlagen erreicht werden sollte. Hier waren zu beiden Seiten eines Wasserbeckens schmuckvolle Broderieparterres vorgesehen.

Der entwerfende Architekt Samuel de Caus war zuvor am englischen Hof tätig gewesen und im Juli 1614 in Heidelberg in kurfürstliche Dienste getreten. De Caus veröffentlichte 1620 in seinem Stichwerk, welches nicht unwesentlich zum Ruhm und der Bekanntheit des Gartens beitrug, den nahezu vollendeten Garten unter Auslassung des „privaten“ Stückgartens, als bereits die Bedrohung der Pfalz nach der Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg erkennbar war. Aber auch die vor Ort noch vorhandenen Gartenanlagen, die durch den Dreißigjährigen Krieg weniger in Mitleidenschaft gezogen worden waren, als lange Zeit angenommen, zählten während des gesamten 17. Jahrhunderts noch zu den bedeutendsten gartenkünstlerischen Schöpfungen in Deutschland.

Kommentar

Entgegen der noch in einem Aufsatz von 2023 vom Autor vertretenen Auffassung, Philipp Hainhofer habe im Juni 1615 bereits große Teile des östlichen Terrassengartens und seiner Grotten gesehen (vgl. Wenzel 2003), muss inzwischen davon ausgegangen werden, dass die Besichtigung des Augsburgers sich vor allem auf den gerade vollendeten, in Abwesenheit des kurfürstlichen Paares höherrangigen Besuchern wohl offenstehenden Stückgarten beschränkte und die Terrassenanlagen des Hortus Palatinus bis dato nicht so weit fortgeschritten waren, wie Hainhofers Bericht ansonsten nahegelegt hätte. Grund für diese Neubewertung ist eine geänderte Identifikation der von dem Reisenden erwähnten „2 grotten“ im neuen Heidelberger Schlossgarten (fol. 221v). Auch de Caus beschreibt in seiner Publikation des Hortus Palatinus explizit zwei Grottenanlagen in den von ihm gestalteten neuen Heidelberger Schlossgärten, und zwar zum einen die „Grosse Grotte“ am östlichen Ende der Hauptterrasse (de Caus 1620, An den guthertzigen Leser, unpaginiert, unter Nr. 21), zum anderen „[e]in andere Grotte“ (ebd., unter Nr. 25), die sich in hinter der Galerie und bei Fischzucht- und Badeanlagen in der Stützmauer der parallel zur Hauptterrasse geführten oberen Terrasse auf der Eingangsseite befand. Auch wenn die Benennung von zwei Grotten bei Hainhofer sehr gut mit der Terminologie von de Caus übereingeht, meinte Hainhofer mit großer Wahrscheinlichkeit nicht diese Gartenarchitekturen, sondern eine bislang unbekannte Grottenanlage, die sich im Vogelhaus des Stückgartens befunden haben muss (zur Begründung s. unter Vogelhaus und Grotten). Für den Fall, dass sich im Stückgarten nur eine Grotte befand (s. ebd.), ist als zweite von Hainhofer benannte Grotte weiterhin die Große Grotte der Hauptterrasse anzuführen. In dieser Partie des Gartens fand der Engländer Philip Skippon 1663 „zwei Steine, die Inschrift auf dem einen lautet: Friedrich hat [dies] gesetzt / 14. Dezember Anno Christi 1615, die auf dem anderen: Elisabeth hat [dies] gesetzt / 14. Dezember Anno Christi 1615“ (zitiert nach: Metzger 2008, S. 70), vor, was darauf hinweist, dass dieser Bereich um den Säulenbrunnen bereits fertiggestellt war, was dann möglicherweise in Grundzügen fauch ür die dahinterliegende Grotte gelten könnte. Insgesamt ist es aber wahrscheinlicher, dass sich Hainhofer nur im Stückgarten aufhielt. Er ging zum Beispiel „hinunder in die gärten“ (fol. 221v), was vom Bodenniveau aus eher auf den Stückgarten als auf den Hortus Palatinus zutrifft (nicht aber, wenn man aus einem Gebäude herabtritt). Vor allem finden die von Hainhofer in den Grotten beschriebenen „Faßhanen, rebhüener, turteltauben, vnd allerhandt vögel“ (ebd.) eine sinnfällige Erklärung, wenn mit den Grotten das Vogelhaus mit grottierten Wasserbecken im Inneren gemeint war. Auch der nicht gerade zum Vorteil von Heidelberg ausgehende Vergleich mit den Münchner Gärten (fol. 221v: „für Churfürstliche gärten sein sie nit zu zierlich, sondern die Münchische gärten v̈bertreffen sie weit, an zirligkeit, vnd an köstligkeit“; vgl. zu den Münchner Gärten die Registereinträge München, Residenz, Hofgarten und ältere Lustgärten und (Südlicher) Residenzgarten) der unmittelbar mit der Kurlinie konkurierenden bayerischen Wittelsbacher-Linie wird verständlicher, wenn es sich bei der verglichenen Heidelberger Gartenanlage nur um den Stückgarten und nicht etwa um die gerade im Bau begriffenen imposanten Terrassenanlage des Hortus Palatinus handelte. Die von Hainhofer eindeutig benannte Urheberschaft von Samuel de Caus hätte natürlich für die Terrassen des Hortus Palatinus als Hainhofers Besichtigungsobjekt gesprochen, da der Architekt wie gesagt in seiner Publikation des Gartens von 1620 den Stückgarten gar nicht erwähnt, doch ist de Caus durch seine Benennung in Hainhofers Reisebericht von 1615 nun eindeutig als Entwerfer des Stückgartens belegt, was bis dato nur vermutet und durch ein Apophthegma von Julius Wilhelm Zincgref (1591–1635) nahegelegt wurde, in dem es heißt: „Als ein welscher Bawmeister zu Heidelberg im Schloß viel newerungen vornahm / einen schönen Thurn am Schloß abzuheben verursachte / vnd ferner angab / etliche Mauren abzubrechen / gräben zufüllen / vnd Gärten an deren stell zu pflantzen / sagte Kolbinger: Schonet er der Mauren vnd Thürn nicht / so wird er gewiß Ihrer Churfürstl. Gn. Seckel noch weniger schonen“ (Zincgref 2011, Bd. 1, S. 190, Nr. 1116, Bd. 2, S. 512–513; vgl. Hanschke 2016, S. 348).

Befindet/befand sich in

Heidelberg, Schloss

Schlagwörter

Literatur

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